Donnerstag, Juli 07, 2016

Türkei, Tunesien, Ägypten: Urlaubsparadiese rücken ins Visier von Terroristen. Und die Reisenden passen ihre Ferienpläne an. Während in der Türkei die Hotels und Strände leer bleiben, wird es auf den Kanaren und in Kroatien voll. Ein Überblick.

Von Judith Pape, tagesschau.deDas Mittelmeer glitzert türkis-blau in der Sonne, Palmen wiegen sich im Wind, Strandliegen warten feinsäuberlich aufgereiht. Doch etwas stört die Postkarten-Idylle am türkischen Strand von Antalya: Die Urlauber fehlen.

Türkei kämpft mit Folgen des Terrorismus

Die zahlreichen Terroranschläge in türkischen Großstädten und der langwierige blutige Krieg im kurdischen Südosten der Türkei halten Millionen von Besuchern fern. Seit Monaten befindet sich die Zahl der Türkei-Reisenden im freien Fall. Das bestätigt auch Anja Braun, Pressesprecherin bei TUI. Der deutsche-Touristik-Riese meldet im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Rückgang der Buchungen um 40 Prozent. Und das sind Zahlen aus dem Juni, die Auswirkungen des IS-Anschlags auf den internationalen Teil des Istanbuler Flughafens Atatürk am vergangenen Donnerstag mit 44 Toten sind noch nicht einberechnet. Auch am Flughafen in Antalya sind in den ersten zwei Juni-Wochen nach eigenen Angaben rund 59 Prozent weniger Besucher angekommen - 45 Prozent weniger Deutsche und so gut wie keine Russen.

Öger Tours, eine Marke des TUI-Konkurrenten Thomas Cook, kämpft ebenfalls mit den Buchungsrückgängen. Der Türkeireisen-Spezialist setzt nun auf "Stammgäste, die die Region auch in Krisenzeiten unterstützen", wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilte.

"Schwarzer Juni" titelten türkische Medien vergangenen Woche, denn das Wegbleiben von Besuchern hat starke Auswirkungen auf die türkische Gesellschaft. Rund acht Prozent aller Arbeitsplätze gehören laut Statistischem Bundesamt direkt oder indirekt zum Tourismussektor. Kleine Hotels kämpfen ums Überleben. Im Bezirk Belek, östlich von Antalya, protestierten laut Medienberichten erst kürzlich Gewerbetreibende, weil sie wegen der Flaute ihre Mieten und Kredite nicht mehr zahlen können.

Ähnlich wie die Türkei leiden auch die ehemaligen Touristen-Hochburgen Ägypten und Tunesien unter den Folgen von Terrorismus und politischen Umbrüchen. Nach dem Anschlag auf ein Hotel im ägyptischen Ferienort Hurghada im Januar dieses Jahres verzeichnete die TUI bislang einen Rückgang der Buchungszahlen im zweistelligen Bereich. Exakte Zahlen kann das Unternehmen noch nicht geben. "Tunesien hat sich nie vom 'Arabischen Frühling' erholt", erklärt Sprecherin Braun. DieAnschläge auf britische Touristen in Sousse zwangen den Tourismuszweig endgültig in die Knie. Laut Ministerium kamen 2016 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 61,9 Prozent weniger Deutsche in das nordafrikanische Land.


"Wenn es kritisch wird, zieht die Karawane weiter"

"Urlauber sind pragmatisch. Die Ferien sollen ihre schönste Zeit im Jahr werden, wenn es in einer Region kritisch wird, zieht die Karawane weiter", sagt Horst Opaschowski. Der renommierte Zukunftsforscher untersucht seit Jahrzehnten das Reiseverhalten der Deutschen. Insbesondere die Bundesbürger ließen sich zwar das Reisen nicht nehmen, jedoch ihre Reisepläne durch Sicherheitsbedenken beeinflussen.

Gewinner dieser Saison sind Spanien, Portugal, Kroatien, Italien, Bulgarien und Griechenland. Diese klassischen Urlaubsdestinationen der 1970er-Jahre verzeichnen Rekordzuwächse. Es wird eng an den Stränden von La Palma bis Gran Canaria: 30 Prozent mehr Buchungen registrierte die TUI bislang auf den Kanaren. Für Kroatien liegt das Plus bei 26,4 Prozent. Zudem profitiert das Reiseland Deutschland. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stieg die Zahl der Gästeübernachtungen im Vergleich zum Vorjahr bereits um vier Prozent auf 114,1 Millionen.

Wer frühzeitig gebucht hat, kann sich glücklich schätzen. Kurzentschlossenen Urlauber müssen sich dementsprechend auf teurere Preise einstellen. Bereits im Winterhalbjahr lagen die Preise bei der TUI auf den Kanaren im Winterhalbjahr um acht Prozent höher als im Vorjahr. Damit rechnet der Konzern nun auch für die Sommermonate. Zudem kann es sein, dass Wunsch-Abflughäfen und -hotels bereits ausgebucht sind.

3-Sterne-Hotel in Spanien zum Preis von türkischem Luxus-Hotel

Den Rückgang der Besucherzahlen in der Türkei könnte deshalb noch das Last-Minute-Geschäft stoppen. "Wenn Familien sehen, dass sie im selben Zeitraum in Spanien ein 3-Sterne-Hotel zum Preis eines 5-Sterne-Hotels an der Türkischen Riviera buchen können, denken sie vielleicht um", sagt Braun von der TUI. Den Hoteliers, Restaurants und Strandliegen-Vermietern wie in Antalya würde es helfen. Zumal keine Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes vorliegen. "Wir hätten die Türkei nicht im Programm, wenn die Behörde Risiken sähe", erklärt Braun. Dennoch solle jeder Reisende frei entscheiden, denn ein subjektives Sicherheitsempfinden sei wichtig für das Wohlgefühl im Urlaub.

Zukunftsforscher Opaschowski macht Hoffnung, dass sich die Zeiten für den Tourismus in der Türkei auch wieder drehen können. "Krisen gehören zu jeder Saison und der Urlauber hat ein chronisches Kurzzeitgedächtnis." Und findet zum Beleg ein extremes Beispiel: Er selbst habe Israel unmittelbar nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 besucht, "da waren die Panzer noch nicht ausgewiesen, aber die ersten Urlauber liefen schon wieder durchs Land."

http://www.tagesschau.de/wirtschaft/tourismus-krise-101.html

Etiketten: Türkei

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